Rezensionen

Ich hab‘ die Power!

Ich hab‘ die Power!, DVD

Koentker, Ch. (2012).

Psychomotorische Förderung für Kinder mit ADHS.

Zu Beginn des Films erklären drei von ADHS betroffene Jungen, was unter dieser „Krankheit“ zu verstehen ist. Anschließend werden Kernsymptome, Subtypen und Nebensymptome vom Sprecher noch einmal vorgestellt. Es folgt ein Interview mit einer betroffenen Mutter, die vom Ablauf der Diagnostik bei ihrem Sohn berichtet. Prof. Dr. G. Hölter (Bewegungsambulatorium der TH Dortmund) verweist auf die bei Kindern mit ADHS beobachtete schlechte Koordination und mangelnde Fitness, die generell schon für eine Bewegungsförderung sprechen. Ein Interview mit dem Dipl. Pädagoge D. Panten (Kinder- und Jugendpsychiatrie Hamm, Fachabteilung PM), in dem er unterstreicht, dass es in der Arbeit mit ADHS- Kindern unterschiedliche Schwerpunkte gibt (z.B. die Stärkung des Selbstbewusstseins/ Selbstkonzepts, zu Lernen wie mit den Störreizen besser umgegangen werden kann), schließt sich an. Er fügt hinzu, dass außerdem die Akzeptanz in einer Gruppe, in der soziales Lernen stattfindet, besonders wichtig ist.

Daraufhin räumt Dipl. Pädagogin C.Koentker (TU Dortmund) ein, dass nicht alle hyperaktiven Kinder psychomotorischer Förderung bedürfen, da einige auch so motorisch fit sind und ein gewisses Selbstbewusst haben. Andere Kinder könnten dadurch aber stark in ihrer Entwicklung unterstützt werden. Die Psychomotorik hat sich bewährt, die Power, die die Kinder mitbringen, in eine konstruktivere Richtung zu lenken. Hölter gibt im darauf folgenden Interview zu verstehen, dass besonders die Fördermaßnahmen, die im familiären Kontext stattfinden oder an denen die Eltern mitbeteiligt sind besonders wirksam sind. Die zuvor bereits schon einmal interviewte Mutter sitzt mit verschlossenen Augen auf einem Rollbrett und wird von ihrem Sohn durch die Halle geschoben. Koentiker erklärt, dass viele Eltern mit der Situation überfordert sind und Hilfe brauchen, es in Deutschland derzeit aber noch zu wenige Beratungsmöglichkeiten gibt. Abschließend fasst der Sprecher zusammen, dass PM zwar kein Allheilmittel ist, hyperaktiven Kindern aber helfen kann, ein wenig zur Ruhe zu kommen. Er betont, dass nicht alle hyperaktiven Kinder automatisch an ADHS leiden, alle Kinder aber Spaß an der PM haben!

Der Film beinhaltet nicht unbedingt bahnbrechende neue Informationen, aber er beleuchtet psychomotorische Förderung für Kinder mit ADHS aus verschiedenen Perspektiven. Medizinische Informationen, Interviews mit Psychomotorikern und immer wieder die Sichtweisen und Erlebnisse der betroffenen Kinder ergeben einen 17 minütigen guten und sehenswerten Film.

Lehrbuch ADHS. Modelle, Ursachen, Diagnose, Therap

Gawrilow, C. (2012). Lehrbuch ADHS. Modelle, Ursachen, Diagnose, Therapie. München: Reinhardt.

Das Lehrbuch ADHS ist in drei große Abschnitte aufgeteilt. Zuerst werden die Geschichte, die Symptome und die Abgrenzung der ADHS von anderen Störungen beschrieben. Nachdem die Frage, ob es sich bei ADHS um eine „Modediagnose“ handelt, geklärt ist, beschäftigt sich die Autorin mit den Kernsymptomen, den Stärken der betroffenen Kinder, den Subtypen und den komorbiden Störungen des ADHS. Außerdem setzt Gawrilow sich mit der Häufigkeit als auch den Geschlechterunterschieden bezüglich des ADHS auseinander.
Der zweite Abschnitt handelt von den Ursachen und der Entwicklung des ADHS. Desweiteren thematisiert sie die sog. Selbstregulationsfähigkeit bei ADHS und auch der ADHS im Erwachsenenalter widmet sie neben der Entwicklung im Kindesalter ein eigenes Kapitel.
Der letzte Teil des Buches befasst sich mit der Diagnostik, der Intervention und schließlich der unterschiedlichen Fördermöglichkeiten von ADHS. Unterschiedliche Studien werden an dieser Stelle vorgestellt.
Die übersichtliche Gestaltung wird durch Piktogramme in der Randspalte unterstütz, die auf Literatur, Internetquellen, Definitionen, Studien oder Vertiefungsfragen hinweisen.
Gawrilow zeigt die zahlreichen Facetten von ADHS auf und betrachtet sie auch wiederum aus unterschiedlichen Perspektiven.
Das Buch ist verständlich und klar gegliedert und geschrieben. Es eignet sich gut für grundlegende Lehrveranstaltungen.

Beweg-Gründe. Psychomotorik nach B. Aucouturier

Beweg-Gründe: Esser, M. (2011)

Beweg-Gründe. Psychomotorik nach B. Aucouturier

Zwanzig Jahre nach dem Erscheinen der 1. Auflage kommt 2011 die 4. überarbeitete Auflage des Buches „Beweg-Gründe“ von Marion Esser heraus, das für den deutschsprachigen Raum als ein Standardwerk zur Psychomotorik nach Bernard Aucouturier bezeichnet kann.

In vier Kapiteln werden die Entwicklung der Praxis und Theorie von Aucouturier, die theoretischen Grundlagen, Handlungskonzepte und Prinzipien der Praxis und die Psychomotorik als therapeutisches Konzept beschrieben.
Einführend zeigt Esser auf unter welchem Druck Kinder heute stehen und welche Erkrankungen vermehrt auftreten, weil sie diesem Druck nicht gewachsen sind.
Schlüsselwörter der Psychomotorik, wie Lebensfreude, Kreativität, Bewegung und Beweglichkeit sind wichtige Ressourcen für eine gesunde kindliche Entwicklung.

Im ersten Kapitel zeigt Esser auf, dass die Theorie auf der Grundlage der psychomotorischen Praxis Aucouturiers entwickelt hat. Im Mittelpunkt des Ansatzes steht die psychische Reife des Kindes als Voraussetzung für eine gelungene Persönlichkeitsentwicklung. Der Körper und seine Bedeutung für die Entfaltung des Menschen bleibt Ausgangspunkt für die theoretischen Betrachtungen.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Bedeutung des Körpers für die Entwicklung des Kindes und zeigt auf welche Rolle prä- und perinatale Umstände sich auf das Verhalten des Kindes auswirken können. Beispielen aus der Praxis verdeutlichen die theoretischen Grundlagen.

Im dritten Kapitel, welches viele Fotos beinhaltet, werden die Zielvorstellungen aus dem Theoriekapitel, an denen sich die Psychomotoriktherapeuten orientieren können, in Handlungskonzepte und Handlungsprinzipien überführt. Durch die Bilder werden Beziehungen und Stimmungen sichtbar, die schwer in Worte gefasst werden können.

Mit einem sehr kurzen 4. Kapitel schließt das Buch mit der Frage ab, ob Psychomotorik ein therapeutisches Konzept ist. Marion Esser plädiert dafür, Psychomotorik nicht nur therapeutisch zu sehen, sondern auch die präventiven Möglichkeiten der Psychomotorik zu nutzen.

Das Buch bietet umfassende Informationen für Fachleute, aber auch Laien, ist in verständlicher Sprache geschrieben und vermittelt einen sehr guten und meiner Ansicht auch fundierten Einblick in die Handlungs- und Haltungsweisen der Psychomotorik Aucouturiers.
Die Stärke des Buches ist die Verknüpfung von theoretischen Ausführungen und Fallbeispielen, die die Theorie bemerkenswert greifbar machen.

Psychomotorik für Kinder unter 3

Renate Zimmer

Psychomotorik für Kinder unter 3 Jahren – Herder, 146 S., 19,95 Euro

Psychomotorik als ganzheitliches Förderkonzept für Kinder unter 3

Als eine besondere Form der Bewegungserziehung und als integratives bzw. präventives Förderangebot hält die Psychomotorik zunehmend Einzug in die KiTas und Krippen. Psychomotorik kann dabei als Konzept einer ganzheitlichen Entwicklungsförderung verstanden werden, in dem die Bewegung eine wesentliche Rolle spielt.
In dem von Renate Zimmer herausgegebenen Band „Psychomotorik für Kinder unter 3 Jahren“ geben die AutorInnen neben einer fundierten Einführung in die Psychomotorik viele Anregungen und Beispiele für eine lustvolle und motivierende psychomotorische Praxis. „Ziel psychomotorischer Förderung ist es“, so Zimmer, „die Eigentätigkeit des Kindes zu fördern, ihm Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu vermitteln und damit zum Aufbau eines positiven Bildes der eigenen Person beizutragen.“

In diesem Sinne stehen die Auswirkungen von Körper- und Bewegungserfahrungen auf das positive Selbstkonzept des Kindes, dessen Grundlagen in den ersten Jahren gelegt werden, im Fokus. Renate Zimmer und ihre Mit-AutorInnen zeigen, wie man kleine Kinder über die Psychomotorik bei der Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts unterstützen kann und welche Haltung und Verhaltensweisen der pädagogischen Fachkräfte dabei angemessen sind.
Eine zentrale Rolle spielen dabei im psychomotorischen Konzept die Selbstwirksamkeitserfahrungen der Kinder in der aktiven Aneignung ihrer Umwelt. Selbstwirksamkeit erfahren Kinder vom ersten Tag an, wenn sie Dinge greifen oder in Bewegung versetzen. Im Laufe ihrer Entwicklung gilt es dabei, so Zimmer, „im psychomotorischen Bewegungsangebot erreichbare Ziele auszuwählen, so dass das Kind sich herausgefordert fühlt, ohne es zu überfordern.“
Praxisnah und mit konkreten Beispielen und Settings werden in diesem Buch die verschiedenen Aspekte und Ebenen einer psychomotorischen Förderung dargestellt – von der eigenen Körperwahrnehmung über Sinnes- und Objekterfahrungen oder soziale Prozesse bis zu Ruhespielen und Entspannungsritualen. Als ein innovativer Aspekt in der Psychomotorik und Bewegungsförderung wird in einem Kapitel auch die Entdeckung und Förderung der Sprache dargestellt. Last but not least muss für eine gelingende psychomotorische Förderung naürlich auch die Raumgestaltung so beschaffen sein, dass sie gezielt Entwicklungsräume schafft – beispielsweise durch Bewegungslandschaften.

Promotionen im Studiengang Motologie

In diesem und letzten Jahr haben die Motologen Dr. Holger Jessel, Dr. Jörg Schröder und Dr. Stefan Schache und die Motologin Dr. Benajir Wolf bei Prof. Dr. Jürgen Seewald promoviert.

Die Arbeit von Dr. Benajiir Wolf ist unter http://archiv.ub.uni-marburg.de/diss/z2010/0381/pdf/dwb.pdf einzusehen.

Drei der Arbeiten sind im VS Verlag für Sozialwissenschaften erschienen und werden hier vorgestellt:

Reichenbach, C. (2010). Psychomotorik

Christina Reichenbach (Autor)

Psychomotorik, UTB Profile

In der Reihe „Profile“ hat der Reinhardt-Verlag nun ein Buch zum Thema Psychomotorik herausgebracht. Das Konzept der Reihe „Profile“ ist es Themen „klar, knapp, konkret“ zu beschreiben, wichtigen Grundgedanken und aktuelle Forschungsergebnisse zu dem Thema zusammenzufassen.

Christina Reichenbach stellt sich der Herausforderung die Psychomotorik auf 112 Seiten zusammenzufassen. Das Büchlein bietet einen guten Überblick. Vor allem die Kapitel über die Wurzeln der Psychomotorik und die ausgewählten Praxiskonzepte sind übersichtlich, informativ und gut strukturiert aufgebaut. Nach einem eher kurzen Kapitel über die Entwicklung psychomotorischer Förderkonzepte für das eigene Arbeitsfeld endet das Buch relativ abrupt mit dem Serviceteil.

In einem Punkt muss ich R. Hammer zustimmen, der in seiner Rezension zu dem Buch in der Motorik 2011 Heft 1 schreibt: „Ich finde es erstaunlich, dass ein Buch über die Psychomotorik geschrieben werden kann, ohne den Aktionskreis Psychomotorik zu erwähnen.“ (Hammer, 2011, S. 43). Mich hat es auch verwundert, dass in einem Buch über Psychomotorik mit einem Kapitel über historische Wurzeln und einem Serviceteil der Aktionskreis Psychomotorik nicht auftaucht.

Für „Nicht-Psychomotoriker“ ist es eine gute Einführung in die theoretischen Grundlagen. Für „Experten“ , die z.B. in der Lehre tätig sind, liefert das Buch eine gute Zusammenfassung.

Leiblichkeit – Identität – Gewalt

Autor: Jessel, Holger

Leiblichkeit – Identität – Gewalt

Autor: Jessel, Holger
Leiblichkeit – Identität – Gewalt
Der mehrperspektivische Ansatz der psychomotorischen Gewaltprävention

(Rezension – folgt)

Besinnung in flexiblen Zeiten

Jörg Schröder (Autor)

Besinnung in flexiblen Zeiten: Leibliche Perspektiven auf postmoderne Arbeit

Autor: Schröder, Jörg
Besinnung in flexiblen Zeiten
Zum Zusammenhang von Flexibilisierung von Arbeit und Leiblichkeit

(Rezension – folgt)

Die Kunst der Unterredung

Autor: Schache, Stefan

Die Kunst der Unterredung

Autor und Rezension: Schache, Stefan
Die Kunst der Unterredung
Organisationsberatung: ein dialogisches Konzept aus motologischer Perspektive

VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2010.

In der „Kunst der Unterredung“ geht Dr. Stefan Schache der Frage nach, wie motologisches Gedankengut und psychomotorisches Handlungswissen in den organisationalen Alltag Eingang finden können.
Die Motologie birgt mittlerweile ein großes systematisiertes Expertenwissen, das in immer mehr Einrichtungen ihren Platz findet: Bewegung und Wahrnehmung, Körper und Leib, das Förderungsparadigma oder das spezifische Verständnis von Menschen haben längst die engen Fachgrenzen überwunden und finden in Bewegten Schulen, Einrichtungen zur frühkindlichen Bildung, Fördereinrichtungen für Betreuung und Wohnen uvm., aber auch im Profitsektor in Form von Gesundheitsförderung oder psychomotorischer Stressbewältigung, konzeptionell ihren Niederschlag.
Die Frage lautet nun: wie können jene Organisationen unterstützt und begleitet werden, die sich erst auf den Weg machen, sich konzeptionell und im alltäglichen Tun zu erneuern, um den Bedürfnissen ihrer Mitglieder und ihrer Klienten gerechter zu werden; bzw. jene Organisationen, die mithilfe von externer Beratung einen Weg aus einer Krise suchen?

Das recht neue und unübersichtliche Feld der Organisationsberatung wird in diesem Buch durch zwei wesentliche Kriterien geordnet: die Dialogfähigkeit und die Organisationskultur als Gesamt des organisationalen Alltags – mit all seinen Widerständen, informellen Strukturen und unbewussten Routinen. Aus diesen beiden zentralen Gesichtspunkten entwirft der Autor sein dialogisches Konzept, das der reflexiven Leiblichkeit eine Brückenfunktion zukommen lässt: erst durch das Abstandnehmen vom routinierten Alltag, durch eine reflektierte Einsicht in habitualisierte Handlungen, durch das Aufbrechen von Dogmen und Ideologien kann sich der einzelne Mitarbeiter und anschließend die Organisation öffnen, um mit neuen Gedanken und Ideen in den Dialog zu treten.
Der Autor entwirft metaphorische Bewegungssituationen, die genau jenes Abrücken thematisieren, um anschließend motologische Grundannahmen und psychomotorische Erfahrungen als „Expertenwissen“ anbieten zu können. Dabei wird einer Organisation, bzw. deren Mitglieder mit dem gleichen Respekt und der gleichen Wertschätzung gegenübergetreten, wie die Psychomotorik es in ihrer Praxis als Prämisse verlangt: Offenheit, Wertschätzung, Reflexion und Dialog bilden auf einer konstruktivistischen Grundlage die Voraussetzungen, durch die eine Organisation nicht mit „Expertenwissen“ belehrt und bevormundet wird, sondern durch die dialogisch ein vielleicht besserer Weg gesucht und erarbeitet werden kann.

Kein Buch, das sich „einfach mal so nebenher“ lesen lässt. Es ist jedoch empfehlenswert, sich die Zeit zu nehmen und sich dem neuen Feld der Organisationsberatung zu öffnen. Es tun sich neue Dimensionen auf, die das motologische Arbeiten erweitern und den wissenschaftlichen Diskurs bereichern. Eine innovative und bereichernde Lektüre mit hoher Informationsdichte.